Vitamine
Kieselerde und Silizium für Haare und Nägel: Was die Evidenz hergibt
Kieselerde soll Haare und Nägel stärken. Was Silizium biologisch leisten kann, warum die EFSA keinen Nutzen bestätigt und worauf Sie bei Blei achten sollten.

Kieselerde gilt seit Generationen als Mittel für schöne Haare und feste Nägel. Doch was steckt wirklich dahinter, und was gibt die Wissenschaft her? Dieser Beitrag trennt die Begriffe, ordnet die Studienlage ehrlich ein und erklärt, worauf Sie bei der Sicherheit achten sollten.
Kieselerde, Silizium, Orthokieselsäure: die Begriffe
Drei Wörter, die oft durcheinandergehen:
- Silizium ist ein chemisches Element. Im Körper kommt es unter anderem im Bindegewebe vor und wird über die Nahrung aufgenommen (Quelle 4).
- Kieselerde ist ein natürliches Mineralpulver, das reich an Siliziumdioxid ist. Sie ist die klassische Darreichungsform in Kapseln, Pulvern und Gels.
- Orthokieselsäure ist die gelöste Form, in der Silizium überhaupt aufgenommen werden kann. Nur die gelöste Orthokieselsäure wird im Darm resorbiert, ihre verklumpten (polymerisierten) Formen dagegen kaum (Quelle 1). In den Studien wurde meist eine cholin-stabilisierte Orthokieselsäure eingesetzt, nicht einfache Kieselerde.
Dieser Unterschied ist wichtig, denn fast alle brauchbaren Studien beziehen sich auf diese eine, stabilisierte Form, nicht auf das Pulver aus der Drogerie.
Was Silizium im Körper macht: die biologische Plausibilität
Silizium wird eine Rolle beim Aufbau von Bindegewebe zugeschrieben, also bei Strukturen, die Haut, Haare und Nägel stützen. In Tierversuchen führte ein ausgeprägter Siliziummangel zu Wachstumsstörungen und zu Defekten an Knochen und Bindegewebe (Quelle 1). In Zellversuchen regt Orthokieselsäure zudem die Bildung von Kollagen Typ I an (Quelle 2). Daraus leitet sich die Idee ab, dass zusätzliches Silizium diesen Geweben guttun könnte.
Diese Idee ist plausibel, aber sie ist kein Beweis. Für den Menschen gilt Silizium als nicht-essenzielles Element: Ein klassischer Mangel mit Krankheitszeichen ist nicht beschrieben, und ein fester Tagesbedarf ist nicht definiert (Quelle 4). Plausibilität im Reagenzglas oder im Tiermodell und belegter Nutzen im Alltag sind zwei verschiedene Dinge. Genau hier trennt sich die Werbung von der Evidenz.
Was die Studien zeigen, und wo ihre Grenzen liegen
Es gibt tatsächlich klinische Studien zu stabilisierter Orthokieselsäure. Zwei werden besonders oft zitiert:
- Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie mit 48 Frauen mit feinem Haar prüfte 10 mg Silizium täglich über neun Monate. Über den Zeitraum ließen Elastizität und Bruchfestigkeit des Haars in beiden Gruppen nach, in der Silizium-Gruppe jedoch weniger stark: Die Elastizität nahm um rund 4,5 Prozent ab statt um rund 12 Prozent unter Placebo, und der Haarquerschnitt nahm in der Silizium-Gruppe zu (Quelle 1).
- Eine zweite randomisierte Studie mit 50 Frauen mit lichtgeschädigter Haut fand über 20 Wochen positive Effekte auf die Hautbeschaffenheit sowie auf die Brüchigkeit von Haaren und Nägeln, erhoben über eine Selbsteinschätzungsskala (Quelle 3).
Das klingt zunächst überzeugend, doch die Einschränkungen wiegen schwer. Beide Studien sind klein, an speziell ausgewählten Gruppen durchgeführt und stammen von derselben Forschungsgruppe. Zusammen umfassten sie unter 100 Frauen, und Ergebnisse aus solch kleinen, speziellen Stichproben lassen sich nicht ohne Weiteres auf alle übertragen. Bemerkenswert ist auch, dass die geprüfte Substanz das Haar nicht sichtbar wachsen ließ, sondern vor allem den altersbedingten Rückgang von Elastizität und Festigkeit abmilderte. Entscheidend für die Einordnung: Die erste Studie wurde ausdrücklich vom Hersteller der geprüften Substanz finanziert, und deren Entwickler war an der Arbeit beteiligt (Quelle 1). Solche herstellernahen Ergebnisse sind kein Wirksamkeitsbeweis, sondern ein Hinweis, der durch große, unabhängige Studien bestätigt werden müsste. Diese fehlen bislang.
Was die Behörden sagen: kein zugelassener Claim
Die europäische Behörde EFSA hat die Belege für Silizium geprüft und kommt zu einem klaren Ergebnis: Ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen der Zufuhr von Silizium und einem Nutzen für Haut, Haare, Nägel oder Bindegewebe ließ sich nicht belegen (Quelle 5). Deshalb ist in der EU kein gesundheitsbezogener Werbe-Claim für Kieselerde und schöne Haare oder feste Nägel zugelassen. Die Verbraucherzentrale bringt es auf den Punkt: Die Wirksamkeit ist wissenschaftlich nicht belegt, entsprechende Aussagen bewertet die EFSA als nicht hinreichend gesichert, und Hersteller dürfen damit nicht werben (Quelle 4). Wo überhaupt Aussagen zu lesen sind, beruhen sie auf langer Überlieferung und Erfahrung, nicht auf einem Wirknachweis (Quelle 4).
Bei Kieselerde ist die Studienlage dünn und die Werbung dick. Prüfen Sie zuerst die naheliegenden Ursachen.
Brauchen wir überhaupt zusätzliches Silizium?
Silizium steckt natürlicherweise in vielen Lebensmitteln, etwa in Gerste, Hafer, Kartoffeln, Paprika und Spinat (Quelle 4). Die Hauptquellen sind Getreide- und pflanzliche Produkte; durch starke Verarbeitung und Raffination sinkt der Siliziumgehalt allerdings (Quelle 1). Die durchschnittliche tägliche Aufnahme wird auf etwa 20 bis 50 mg geschätzt und liegt damit deutlich über der in den Studien geprüften Dosis von 10 mg (Quelle 1). Da kein fester Bedarf definiert und kein Mangel bekannt ist, gibt es keinen guten Grund für die Annahme, dass zusätzliches Silizium bei gesunder Ernährung noch etwas verbessert.
Hinzu kommt ein grundsätzlicher Punkt: Für Silizium gibt es keinen etablierten Blutwert, an dem sich ein Defizit oder ein Nutzen ablesen ließe, denn weder ein Bedarf noch ein Mangel ist definiert (Quelle 4). Wer ein Kieselerde-Präparat einnimmt, kann also weder vorher einen Mangel feststellen noch hinterher einen belegten Nutzen messen. Das macht die Einnahme zu einem Versuch auf gut Glück.
Wer brüchige Nägel oder Haarprobleme hat, findet die häufigeren Ursachen eher bei Eisen, Zink oder der Schilddrüse. Auch äußere Faktoren spielen oft mit: häufiges Wechseln von Nass und Trocken, aggressive Nagellackentferner oder Kälte machen Nägel spröde, ohne dass ein Nährstoff fehlt. Ein Kieselerde-Präparat ändert daran nichts.
Sicherheit: auf Reinheit achten, Kur statt Dauereinnahme
Ein Punkt wird bei Kieselerde oft übersehen: die Reinheit. Kieselerde ist ein Naturprodukt aus Mineralerde und kann je nach Herkunft Schwermetalle enthalten. Die Verbraucherzentrale berichtet, dass in einzelnen Produkten gesundheitlich bedenkliche Mengen an Blei nachgewiesen wurden. Zwar gilt ein gesetzlicher Höchstwert von 3 mg Blei pro Kilogramm, doch ein gesundheitliches Risiko lässt sich nach Einschätzung der EFSA bei Blei nicht mit Sicherheit ausschließen; der Gehalt sollte daher so niedrig wie möglich sein (Quelle 4).
Einen zusätzlichen Anhaltspunkt geben die Höchstmengenempfehlungen des BfR. Für Nahrungsergänzungsmittel nennt es je nach Silizium-Form unterschiedliche Obergrenzen: 350 mg für Siliziumdioxid, 100 mg für Kieselsäure (Silicagel) und 10 mg für cholin-stabilisierte Orthokieselsäure. Für die Anreicherung normaler Lebensmittel sind Silizium-Verbindungen bislang nicht zugelassen (Quelle 6).
Praktisch heißt das:
- Kieselerde eher als zeitlich begrenzte Kur nutzen, nicht dauerhaft und nicht hochdosiert.
- Beim Hersteller nach Analysen zur Schwermetallbelastung fragen.
- In Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern besser darauf verzichten.
Einordnung und Fazit
Silizium ist am Bindegewebe beteiligt, und einzelne kleine Studien zu stabilisierter Orthokieselsäure deuten Effekte auf Haare und Nägel an. Für einen belegten Nutzen reicht das nicht: Die verfügbaren Studien sind klein und herstellernah, große unabhängige Studien fehlen, und die EFSA lässt keinen Claim zu. Der Bedarf ist über die normale Ernährung ohnehin gedeckt. Kommt das Risiko von Bleibelastungen hinzu, bleibt Kieselerde bestenfalls ein Versuch mit bescheidener Erwartung und nicht die erste Antwort auf Haar- oder Nagelprobleme. Realistisch ist auch der Zeithorizont: Nägel und Haare wachsen langsam, sichtbare Veränderungen bräuchten Monate und wären selbst dann kaum einem einzelnen Präparat zuzuordnen. Sinnvoller ist es, zuerst die naheliegenden Ursachen zu prüfen und die Ernährung im Blick zu behalten, statt Geld in ein Präparat mit unklarem Nutzen zu stecken.
Quellen
- Wickett RR, Kossmann E, Barel A, et al. — Effect of oral intake of choline-stabilized orthosilicic acid on hair tensile strength and morphology in women with fine hair. Arch Dermatol Res 2007;299(10):499–505. PMID 17960402. (Studie durch den Hersteller Bio Minerals n.v. finanziert.)
- Reffitt DM, et al., zitiert in Wickett et al. 2007 — Orthokieselsäure stimuliert in vitro die Kollagen-Typ-I-Synthese. Arch Dermatol Res 2007;299(10):499–505.
- Barel A, Calomme M, Timchenko A, et al. — Effect of oral intake of choline-stabilized orthosilicic acid on skin, nails and hair in women with photodamaged skin. Arch Dermatol Res 2005;297(4):147–153. PMID 16205932.
- Verbraucherzentrale — Schöne Haare durch Kieselerde? (Wirksamkeit nicht belegt, EFSA-Bewertung, Silizium in Lebensmitteln, Bleibefunde, Höchstwert 3 mg/kg). verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/nahrungsergaenzungsmittel/schoene-haare-durch-kieselerde-7870
- Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), NDA-Panel — Scientific Opinion on the substantiation of health claims related to silicon. EFSA Journal 2011;9(6):2259.
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) — Höchstmengenempfehlungen für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln (Stand 2021), Abschnitt Silizium. bfr.bund.de/cm/343/hoechstmengenempfehlungen-des-bfr.pdf
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