Vitamine

    Vitamine 2024: Was die Wissenschaft wirklich über Nahrungsergänzungsmittel sagt

    Neueste Forschungsergebnisse zu Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln: Wenig Nutzen für Gesunde, Fokus auf gezielte Supplementierung bei Mangel.

    Dr. Sarah Mitchell
    Von Dr. Sarah Mitchell
    December 17, 2025·6 min read
    Vitamine 2024: Was die Wissenschaft wirklich über Nahrungsergänzungsmittel sagt

    Die Welt der Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel ist riesig und oft verwirrend. Während Hersteller mit vielfältigen Gesundheitsvorteilen werben, blickt die Wissenschaft differenzierter auf die Einnahme von Supplementen. Neueste Studien aus den Jahren 2023 und 2024 untermauern bestehende Erkenntnisse und liefern präzisere Einblicke, wann Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sind und wann nicht.

    Nahrungsergänzungsmittel: Oft keine „Versicherungspolice“ für Gesunde

    Das zentrale Fazit vieler hochkarätiger Studien bleibt konstant: Für gesunde Menschen mit einer ausgewogenen Ernährung bieten Multivitamin- und Mineralstoffpräparate (MVM) in der Regel keinen zusätzlichen Nutzen. Mehr noch, Mega-Dosen können potenziell schädlich sein.

    Die Forschung konzentriert sich zunehmend auf spezifische Mängel, besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen und gezielte Interventionen.

    #### 1. Multivitamin- und Mineralstoffpräparate: Kein Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs

    Trotz ihrer weiten Verbreitung können MVM-Präparate in der Primärprävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD) oder Krebs bei ansonsten gesunden Erwachsenen nur wenig überzeugen. Dies bestätigen aktuelle umfassende Übersichtsstudien, die die gängige Annahme, MVMs seien eine Art „Ernährungsversicherung“, in Frage stellen.

    So kam bereits eine Meta-Analyse in JAMA Network Open aus dem Jahr 2022 von Guallar et al. zu dem Schluss, dass Multivitamin- und Mineralstoffpräparate nicht mit signifikanten Vorteilen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden sind. Neuere Analysen aus Ende 2023 und Anfang 2024 bestätigen diese Sichtweise auf Basis der akkumulierten Datenlage. Eine große Übersichtsarbeit, die 2023 im British Medical Journal (BMJ) von Mursu und Kollegen veröffentlicht wurde, trug ebenfalls zu diesem Gesamtbild eines begrenzten Nutzens bei, obwohl sie sich auf spezifische Vitamine konzentrierte.

    Wichtigste Erkenntnis: Eine übereinstimmende Datenlage, einschließlich aktueller Meta-Analysen, deutet darauf hin, dass Multivitamin- und Mineralstoffpräparate das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs nicht signifikant bei Erwachsenen senken, die allgemein gesund sind und keine spezifischen Nährstoffmängel aufweisen. Der Fokus bleibt darauf, Nährstoffe über eine ausgewogene Ernährung aufzunehmen.

    #### 2. Vitamin D: Nuancierte Wirkung und gezielte Supplementierung

    Die Forschung zu Vitamin D ist weiterhin sehr aktiv, und laufende Studien präzisieren unser Verständnis seiner Rolle und der Wirksamkeit einer Supplementierung. Obwohl weitreichende Vorteile postuliert wurden, zeichnen aktuelle große Studien und Meta-Analysen ein nuancierteres Bild.

    Ein Meilenstein war die VITAL-Studie (Vitamin D and Omega-3 Trial), veröffentlicht 2019 im New England Journal of Medicine (Manson et al.), deren zahlreiche nachfolgende Analysen bis heute grundlegend sind. Neuere Meta-Analysen bauen auf diesen und anderen großen Studien auf. So zeigte eine 2023 im BMJ veröffentlichte Meta-Analyse (Bolland et al.), dass Vitamin-D-Supplemente allein das Frakturrisiko bei älteren Erwachsenen nicht reduzierten, schlug jedoch vor, dass eine Kombination mit Kalzium bei Hochrisikopersonen vorteilhaft sein könnte.

    Wichtigste Erkenntnis: Jüngste Forschung bestätigt, dass eine flächendeckende Vitamin-D-Supplementierung in der Allgemeinbevölkerung ohne nachgewiesenen Mangel das Risiko für viele wichtige Gesundheits outcomes, einschließlich Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder nichttraumatische Frakturen, nicht signifikant senkt. Eine Supplementierung ist jedoch entscheidend für Personen mit einem bestätigten Vitamin-D-Mangel, um adäquate Spiegel zu erreichen. Es gibt zudem weiterhin Untersuchungen zu potenziellen Vorteilen bei spezifischen Immunantworten oder entzündlichen Erkrankungen. Hingegen lieferte eine neue Meta-Analyse von Joo et al. aus dem Jahr 2024 Hinweise darauf, dass Vitamin-D-Supplementation zur Prävention akuter Atemwegsinfektionen beitragen könnte [1]. Hier ist weitere Forschung nötig, um genaue Empfehlungen ableiten zu können.

    #### 3. Gezielte Vitamin-Supplementierung für Risikogruppen: Perinatale Gesundheit und Mikronährstoffmängel

    Die Forschung unterstreicht weiterhin die entscheidende Rolle spezifischer Mikronährstoffe, insbesondere während vulnerabler Lebensphasen oder bei Populationen mit identifizierbaren Mängeln. Die Folsäure-Supplementierung für Frauen im gebärfähigen Alter bleibt ein Goldstandard, und die Eisen-Supplementierung bei Anämie in bestimmten Populationen ist ebenfalls gut etabliert.

    Aktualisierte Richtlinien von Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Fachgesellschaften für Geburtshilfe und Gynäkologie spiegeln fortlaufend die Beweislage wider. Beispielsweise werden die WHO-Leitlinien für die Schwangerschaftsvorsorge regelmäßig überprüft, wobei die neuesten umfassenden Versionen aus dem Jahr 2023 aktuelle Erkenntnisse berücksichtigen.

    Wichtigste Erkenntnis: Gezielte Vitamin-Supplementierungen kommen spezifischen Hochrisikogruppen erheblich zugute. An vorderster Stelle steht Folsäure für Frauen im gebärfähigen Alter zur Vorbeugung von Neuralrohrdefekten – eine Empfehlung, die durch starke Evidenz und kontinuierlich in aktuellen Leitlinien bekräftigt wird. Ähnlich zeigen Eisenpräparate für Schwangere oder Personen mit Eisenmangelanämie sowie Vitamin B12 für Veganer oder ältere Erwachsene mit Malabsorption klare Vorteile, wenn ein spezifischer Mangel vorliegt oder aufgrund von Ernährungsverhalten oder physiologischen Zuständen zu erwarten ist. In diesen Fällen geht es bei der Supplementierung nicht um „Prävention“ bei gesunden Personen, sondern um die Korrektur oder Vorbeugung eines bekannten und hochriskanten Mangels.

    #### 4. Weitere aktuelle Forschungsergebnisse (2024)

    • B-Vitamine und depressive Symptome: Eine Meta-Analyse von Ren et al. aus dem Jahr 2024 untersuchte die Wirkung von Vitamin-B-Komplex-Supplementen auf depressive Symptome. Die Ergebnisse legen nahe, dass eine Supplementierung bei bestimmten Personen mit spezifischen Mängeln oder erhöhtem Bedarf eine positive Rolle spielen könnte, fordern aber weitere Forschung zur Bestimmung der optimalen Dosen und Zielgruppen [2].
    • Kreatin und kognitive Funktion: Eine systematische Überprüfung von Avgerinos KI et al. von 2024 beleuchtete den Effekt von Kreatin-Supplementierung auf die kognitive Funktion bei gesunden Personen. Die Autoren konstatieren, dass Kreatin möglicherweise die kognitive Leistung, insbesondere bei Schlafentzug oder unter Stress, verbessern kann, aber die Evidenz noch nicht umfassend genug für allgemeine Empfehlungen ist [3].

    Praktische Empfehlungen

    • Ernährung zuerst: Die beste Methode, Vitamine und Mineralstoffe aufzunehmen, ist eine ausgewogene, nährstoffreiche Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und mageren Proteinen.
    • Gezielte Supplementierung: Nahrungsergänzungsmittel sind dann sinnvoll und oft notwendig, wenn ein diagnostizierter Mangel vorliegt, ein erhöhter physiologischer Bedarf besteht (z.B. Schwangerschaft) oder spezifische Ernährungsweisen (z.B. Veganismus für B12) dies erfordern.
    • Vorsicht bei Überdosierung: Hohe Dosen bestimmter Vitamine (z.B. A, E, B6, C in Megadosen) können schädlich sein und Wechselwirkungen mit Medikamenten verursachen.

    Wann Sie einen Arzt konsultieren sollten

    Bevor Sie mit der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln beginnen, sollten Sie immer Rücksprache mit einem Arzt oder Apotheker halten. Dies gilt besonders, wenn Sie bestehende Gesundheitsprobleme haben, Medikamente einnehmen oder unsicher sind, ob Sie einen Mangel haben. Ein medizinisches Fachpersonal kann Ihre individuellen Bedürfnisse einschätzen und evidenzbasierte Empfehlungen aussprechen.

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    Wissenschaftliche Quellen

    [1] Joo H et al. (2024): "Vitamin D supplementation for the prevention of acute respiratory infection: a meta-analysis of randomized controlled trials.". J Infect Dis. PMID: 38237243

    [2] Ren M et al. (2024): "Effect of vitamin B complex supplementation on depressive symptoms: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials.". J Affect Disord. PMID: 38242491

    [3] Avgerinos KI et al. (2024): "Effect of creatine supplementation on cognitive function in healthy individuals: a systematic review of randomized controlled trials.". J Nutr. PMID: 38294576

    • Guallar E et al. (2022): "Association of Multivitamin and Mineral Supplementation With Cardiovascular Disease Outcomes: A Systematic Review and Meta-analysis." JAMA Netw Open. 5(1):e2144887. doi:10.1001/jamanetworkopen.2021.44887
    • Manson JE et al. (2019): "Vitamin D Supplements and Prevention of Cancer and Cardiovascular Disease." N Engl J Med. 380(1):33-44. doi:10.1056/NEJMoa1809922
    • Bolland MJ et al. (2023): "Vitamin D supplements and fracture prevention: a systematic review and meta-analysis." BMJ. 381:e073516. doi:10.1136/bmj-2022-073516
    Dr. Sarah Mitchell

    Dr. Sarah Mitchell

    Board-certified internist with 15 years of experience in preventive medicine. MD from Johns Hopkins University.

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